Besondere Geschichten
Geschichten,
die das Leben schreibt,
die es wert sind mitgeteilt zu werden,
die uns Menschen anderer Kulturen näher bringen
und Ihnen unseren Respekt zeigen!

Die kaputte Glühbirne von Ine Stolz




Eine besondere Geschichte, Brenda Mbaja

(von Christel Aretz)

Von Brenda Mbaja, die 2018 stellvertretende Vorsitzende war und immer noch unseren Vereinsflyer auf der Titelseite schmückt, und uns am Wochenende 25./26. Mai 2019 in Trier aus Bonn besuchte, gibt es eine besondere Geschichte zu erzählen.




Festgottesdienst –Basilika – Rheinischer Landesposaunentag, Sonntag, 26. Mai 2019

Schon auf dem Weg am nächsten Morgen zum Gottesdienst erzählte sie von ihrer Mutter. Sie lebt in Nairobi und geht fast täglich in die Kirche, um dort ehrenamtlich zu helfen. Und wenn man sie fragt, warum sie das tut, antwortet sie: „Ich bin mit Gott verlobt!“Der Glaube an Gott ist für die Kenianer sehr wichtig und der Sonntag ist Gottestag!

In der Kirche sitze ich neben Brenda. Jauchzen! Himmel hoch Jauchzen!

Festgottesdienst anlässlich des Landesposaunentages in Trier.
Die Basilika – ein gewaltiger Klangkörper!
Die Menschen in der vollbesetzten Basilika sind ergriffen.

Lesung: 2. Samuel 6, 1-22

Brenda zückt plötzlich ihr Handy. Vorschnelle Gedanken schießen mir durch den Kopf. Wie kann man nur während des Gottesdienstes sich mit seinem Handy beschäftigen? Ich sehe, wie sie sich Notizen auf dem Programmflyer macht und Texte auf ihrem Handy liest.

Nach dem Gottesdienst muss ich sie unbedingt fragen, warum sie mit ihrem Handy rumgespielt hat. Ich bin so froh, dass ich den Mut dazu hatte. Sie erklärte mir, dass sie eine ihr unklar gebliebene Bibelstelle unmittelbar nachlesen wollte. Sie hat nämlich auf ihrem Handy die Bibel gespeichert. Die Bibel ist Brendas täglicher Begleiter. Für mich war das eine große Überraschung, dass dies überhaupt möglich ist. Ich hatte plötzlich großen Respekt vor ihr. Wie schnell zieht man doch voreilige Schlüsse!

Gerade diese so überraschend gemachte Erfahrung möchte ich hiermit Anderen mitteilen, um nicht vorschnell zu urteilen. Das Handy wird sicherlich mehrfach überbenutzt. Aber in diesem Fall hat es sich als ausgesprochen wichtiges Hilfsmittel erwiesen.

Diese Geschichte wird mich noch lange bewegen.


Ein wundersamer Diebstahl am Fuße des Kilimanjaros

(von Dr. Johannes Michael Nebe)


Es war an einem Abend im September, als 21 Studierende der Universität Trier im Rahmen einer umwelt- und entwicklungspolitischen Groß-Exkursion in der Nähe der tansanischen Kleinstadt Marangu am Fuße des Kilimanjaros ihr Zeltlager aufbauten und schon in großer Erwartung und Vorfreude den morgigen Tag herbeisehnten, um eine möglichst klare Sicht auf den höchsten Berg Afrikas (5.892 Meter hoch) zu haben. So drehten sich also beim abendlichen Lagerfeuer die Gespräche einzig um dieses bevorstehende Ereignis.

Plötzlich wurden die Gespräche unterbrochen, als einer der Studenten laut reklamierend aus seinem Zelt hervorgekrochen kam, das etwas abgelegen von den anderen Zelten positioniert war und laut fordernd rief „Wer hat mir aus meinem Portemonnaie das tansanische Geld genommen?“. Unser Hinweis, dass es doch eigenartig sei, dass nur die tansanischen Geldscheine fehlten und nicht die übrigen im Portemonnaie enthaltenen EURO- und US-Dollar-Scheine, konnte ihn nicht beruhigen. Er müsse die vermissten Geldscheine woanders deponiert haben, so die Exkursionsgruppe, und er solle erst einmal am nächsten Morgen sein Gepäck in Ruhe durchsuchen, ob er das Geld nicht doch an einer ganz anderen Stelle „versteckt“ habe. Müde und natürlich etwas schockiert fielen wir dann aber doch in den Schlaf.

Ganz früh am nächsten Morgen wurden wir wieder lautstark von dem nach dem Geld suchenden Studenten geweckt. „Ich habe in meinem Rucksack, in dem ich mein Portemonnaie verstaut hatte, diesen Brief gefunden, den ich aber nicht lesen kann“ und zeigte ihn uns ganz aufgeregt. Der Brief war handschriftlich in Kiswahili, der Landessprache Tansanias, geschrieben. Anthony, einer unserer einheimischen Fahrer bot sich sofort an, uns den Brief ins Englische zu übersetzen. Er überflog den einseitigen Brief kurz und sein Gesichtsausdruck verriet uns schon, dass es sich um einen ganz besonderen Brief handeln musste.

Der Brief war an Gott gerichtet, indem er ihn um Verzeihung und Vergebung bat. Ins Deutsche übersetzt lauteten die uns am stärksten berührenden Sätze wie folgt:

Allmächtiger Gott, Vater des Erbarmens. Ich habe mich an Dir versündigt. Ich habe Dich immer wieder enttäuscht und verdiene Deine Verurteilung hier auf dieser Erde und bis in alle Ewigkeit. Ich bedauere meine Tat sehr. Meine Familie ist hungrig und ich wusste mir keinen anderen Rat mehr, als dem Mzungu (das bedeutet „Weißer“) etwas von seinem Geld zu nehmen. Ich bitte Dich um Deine große Barmherzigkeit, die Du mir durch den Tod Deines Sohnes, Jesus Christus, gezeigt hast. Bitte vergib mir und nimm mich wieder an, obwohl ich arm und sündig bin. Ich glaube an Deine Vergebung. Nun schenke mir Deinen Heiligen Geist, damit ich wieder Deine Nähe spüre und Deinem Weg folgen kann“

Wir verharrten alle still und nachdenklich. Erst nach langen Minuten waren wir fähig, darüber miteinander zu sprechen und zu begreifen, dass absoluter Hunger zu Diebstahl führen kann, auch von tief gläubigen Menschen, die Gott um Vergebung bitten und dies auch dem Bestohlenen wissen lassen und diesen dadurch auch um Verzeihung bitten. Brauchen wir in einem solchen Fall wirklich einen irdischen Richter? Nicht nur der betroffene Student, wir alle hatten dem Dieb verziehen. Er hatte ja nur das tansanische Geld entnommen und dem Studenten das übrige Geld gelassen, damit er nicht in allzu große Not kommen sollte.

Ich erinnerte in diesem Zusammenhang an das heute noch geflügelte Wort „fringsen“, das insbesondere im Rheinland und im Ruhrgebiet in die deutsche Sprache Eingang gefunden hat und auf den Kölner Kardinal Frings zurück geht. Damals plädierte dieser, für den Mundraub und die Plünderung von Kohlenzügen in der schlechten Versorgungslage nach dem Zweiten Weltkrieg Verständnis zu haben und diese nicht unter Strafe zu stellen.

Die Vorfreude auf den Blick auf den Kilimanjaro war nun gar nicht mehr in unseren Köpfen. Dieser Diebstahl bekam für uns alle eine ganz neue, verständnisvolle Facette. Wir hatten die Lebensrealitäten, aber auch die tiefe Gläubigkeit vieler Menschen auf diese Weise in Afrika unmittelbar kennen gelernt. Diese gemachte Erfahrung wird uns noch lange bewegen….


Ein glücklicher Taxifahrer in Nairobi

erlebt und aufgeschrieben von Dr. Johannes Michael Nebe


Zum Taxifahren in Nairobi gehört nicht nur Mut, sondern auch der feste Glaube daran, dass man unbeschwert sein Ziel erreichen wird. Nicht zuletzt sind die meist nicht sehr verkehrssicher wirkenden Taxen mit Slogans wie „Jesus, the Saviour of the World“ oder „Believe in God“, die Vertrauen in eine sichere Fahrt signalisieren sollen, auf den Straßen unterwegs bzw. warten auf ihre Kundschaft. Darüber hinaus ist die chaotische, kaum Verkehrsregeln beachtende Verkehrssituation in Nairobi nicht gerade vertrauenserweckend. Aber eine mehr Sicherheit versprechende Alternative sind auch nicht die in der Regel überfüllten vierzehnsitzigen Kleinbus-Taxen, die in Kenia Matatus genannt werden und deren Fahrer in ihrer gewagten Fahrweise einen gewissen „Kultstatus“ besitzen.

So nahm ich eines Tages wieder ein Taxi, um eilig einen entfernter liegenden Termin in Nairobi wahrzunehmen. Ich winkte ein Taxi heran und setzte mich auf die Rückbank und verriegelte sofort die Türen zu beiden Seiten des Taxis, um wenigstens eine gewisse Sicherheit vor Überfällen zu haben. Kaum hatten wir die ersten 200 Meter zurück gelegt, als ich bemerkte, wie der Taxifahrer sich übervorsichtig im kaum Platz gebenden und lärmenden Straßenverkehr zu orientieren versuchte und dabei sehr die Augen zusammen kniff, um keinen Unfall zu provozieren. Ich bat ihn, noch einmal zu meinem Hotel zurückzufahren und gab vor, etwas vergessen zu haben. Im Hotel angekommen, ließ ich ihn im Foyer Platz nehmen, eilte in mein Zimmer, suchte nach der Tasche, in der ich mehr als 300 Brillen verstaut und aus Deutschland mit nach Kenia gebracht hatte.

Schon Jahre zuvor hatte ich verwundert beobachten können, dass Kenianer selten eine Brille tragen, aber nicht, weil sie alle gut sehen können, sondern weil sie nicht das Geld aufbringen können, zum Augenarzt zu gehen und sich eine Brille zu kaufen. Denn eine Brille kostet etwa ein dreifaches Monatsgehalt eines Taxifahrers, der monatlich etwa 1.000 kenianische Schillinge (KSh), das sind umgerechnet etwa zehn Euro als Mieter eines Taxis verdient. Dieser Hinweis ist sicherlich notwendig, um die ökonomische Situation der dort lebenden Menschen zu verstehen.

Mein Taxifahrer hatte geduldig gewartet und war sofort startbereit, als er mich mit der Tasche kommen sah. Ich forderte ihn aber zum Sitzenbleiben auf, stellte die Tasche auf den Tisch und holte eine Brille nach der anderen heraus. Er griff ganz begierig nach ihnen und begann sie nacheinander auszuprobieren. Ich hatte also richtig vermutet, dass mein Taxifahrer eine Sehschwäche hatte und er nun gar nicht das Glück fassen konnte, dass ihm Hilfe so plötzlich und unerwartet zuteil wurde. Es war wohl die 35. ausprobierte Brille, die er sich aufsetzte und plötzlich mit einem lauten Jubelschrei von seinem Stuhl aufsprang und ausrief „My God, thank you so much! It is so wonderful to see this world so clear! I am feeling really newborn!“. Ich wollte seine Freude ein wenig bremsen, als ich ihm sagte, dass diese Brille mit ihrem farbigen Dekor eine typische Frauenbrille sei und er doch nach einer weiteren Männerbrille schauen möchte. Da erwiderte er mir sehr beharrlich, „No, that’s the one I love!“. Er erdrückte mich fast vor Rührung und flüsterte mir zu, dass ich nun einige Freifahrten mit seinem Taxi hätte. Meinen damaligen eiligen Termin außerhalb Nairobis erreichte ich nun sehr verspätet und erklärte den Grund meiner Unpünktlichkeit, worauf herzlich gelacht wurde. Mein Taxifahrer war nun mein „erster Patient“ geworden. Ich war stolz, dieses Glück einem Menschen ge-schenkt zu haben.

Viele weitere Brillen fanden seitdem dankbare kenianische Abnehmer, junge wie ältere Menschen vor allem in den Slums von Nairobi, wo die Armut unbeschreiblich groß ist. Daraus sollten wir lernen, dass wir immer einen „klaren Blick“ brauchen, um die Dinge um uns herum richtig zu sehen.


Eine besondere Geschichte – Falsche Rollenverteilung

von Kurt Gerhardt


Zu meinen Aufgaben als Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) in den 80er Jahren im Niger gehörte es, regelmäßige Kontakte zu einheimischen Behörden zu pflegen, unter deren Verantwortung die Entwicklungshelfer arbeiteten oder mit denen eine Zusammenarbeit möglich schien.

Bei einem meiner Besuche in der Provinz klopfte ich, wie üblich, auch beim Präfekten an. Im Vorzimmer traf ich auf meinen amerikanischen Kollegen vom „Peace Corps“, der dort bereits wartete, weil unser niederländischer Kollege gerade seine „Audienz“ beim Präfekten hatte. Wir zogen wie Handlungsreisende von Amt zu Amt, um uns nach Arbeitsmöglichkeiten für die Entwicklungshelfer zu erkundigen, nach dem Motto „Was darf es sein? Ein bisschen Gesundheitsdienst, forstwirtschaftliche Beratung, Bildungshilfe?“

Das Groteske des Zustandes wurde mir schlagartig klar, denn ich dachte, es müsse doch umge-kehrt sein: Ich müsste in meinem Büro in Niamey sitzen und nigrischer Partner harren, die um Hilfe nachsuchen, weil sie mit einem Problem aus eigener Kraft nicht fertig werden. Dieses war das auslösende Moment für den sich im Laufe der Zeit immer mehr festigenden Eindruck, dass in der Entwicklungshilfe die Dinge auf dem Kopf stünden. Das war wohlgemerkt vor 25 Jahren.

Kurz nach der politischen Zeitenwende 1990, nachdem auf Druck des Nordens auch in Afrika der Übergang von der Diktatur zur Demokratie vollzogen werden sollte, sprach ein afrikanischer Politiker mich mit den Worten an: „Ihr habt uns die Demokratie gebracht. Jetzt müsst Ihr dafür sorgen, dass unsere Wirtschaft in Gang kommt“. „Ihr müsst“, nicht „wir müssen“. Dass der Mann diesen Satz sprach, kam aus ehrlichem Herzen. Wie hätte es auch anders sein können? Wir haben den Afrikanern seit Jahrzehnten beigebracht, dass wir für die Lösung ihrer Probleme zuständig seien. Wir haben sie so „erzogen“, dass es verständlich erscheint, wenn sie bei einem neuen Problem zuerst ausländische Helfer anrufen, bevor sie sich fragen, was sie selbst für dessen Lö-sung tun können.

Dieses Bewusstsein sitzt tief in den afrikanischen Köpfen. Es bedeutet schlicht Selbstentmündi-gung und ist eines der schlimmsten Ergebnisse der bisherigen Zusammenarbeit. Falsche Entwicklungshilfe hat die Menschen abhängig gemacht, hat sie an den Zustand der andauernden Hilfe gewöhnt und die Bildung von Eigeninitiative behindert. Diese in den Mentalitäten der Men-schen angerichteten Schäden sind weit schlimmer als die enormen materiellen Verluste, die durch gescheiterte Hilfe entstanden und die in den sogenannten „Weißen Elefanten“ zu besichtigen sind, mit denen Afrika übersät ist.

Anmerkung: Effektive Entwicklungspolitik sieht anders aus. Vieles muss sich verändern! Haben wir viel hinzugelernt?


Eine besondere Geschichte – Regenmantel? Eifersüchtig? Kurbelwelle?

von Peter Röhrig, Köln, ehemaliger Entwicklungshelfer in Sambia

Drahtlos, Schokolade, Fehler, Zement: Warum werden Kinder in Sambia so genannt? Was sind die Motive von Eltern und Familien sich solche Vornamen und Spitznamen auszudenken? Und das in Englisch, der Sprache der ehemaligen Kolonialherren?

Sambia? Wo war das noch mal? Irgendwo zwischen Kongo und Simbabwe, Angola und Tansania/Mosambik. Bekannt ist Sambia den wenigsten. Viele haben schon mal von den Victoriafällen gehört, einer der größten Wasserfälle der Welt. Vielleicht weiß noch jemand, dass David Livingstone, der schottische Missionar und Afrikaforscher, 1855 die Fälle auf einer seiner Expeditionen als erster Europäer sah. Aber nur wenige wissen, wie die Einheimischen ihre Wasserfälle nennen, denen Livingstone den Namen zu Ehren seiner Königin gab: Musi-o-Tunya, „der Rauch, der donnert“, weil man die weiße Gischt kilometerweit sieht und das herabdonnernde Wasser von weitem hört.

Seit 1890 ist Sambia Teil von Rhodesien und gehört zum britischen Kolonialreich. 1964 wird das Land – bis dahin Nordrhodesien – unabhängig. Kenneth Kaunda, der erste Präsident des Landes, der dieses Amt bis 1991 innehatte, traf eine kluge Entscheidung: Da es in Sambia sieben unterschiedliche Hauptsprachen und 72 verschiedene Bantu-Dialekte gab und noch heute gibt, machte er Englisch zur offiziellen Amtssprache, was die Kommunikation im Lande förderte, die Zahl der Heiraten zwischen unterschiedlichen Stämmen erleichterte und ansteigen ließ und so dem inneren Frieden diente. Die Sprache der englischen Kolonialherren bleibt die sprachliche Klammer für die 13 Millionen Einwohner des Landes. Lange Zeit wurden Kinder nur eingeschult, wenn sie einen englischen Namen hatten. Priester verlangten häufig, dass Kinder mit Namen von Heiligen getauft werden. Zum Teil ist das immer noch so.

Dass Vor- und Spitznamen oft aus dem Englischen stammen, ergibt sich aus dieser Vergangenheit. Wie kommen aber solche Namen zustande? Den Namen der Ethnologin, die mit der Namenssammlung begann, muss hier nennen, wer sich nicht des Plagiatsvorwurfs schuldig machen will: Steffi Leupold, Ethnologin und Soziologin, die von 2003 bis 2007 in der internationalen Entwicklungshilfe in Sambia und Simbabwe arbeitete, riet, bei den Recherchen zu Vor- und Spitznamen den „ethnologischen“ Weg zu gehen: Eltern und Freunde fragen, Kinder und Jugendliche selbst fragen, wie sie sich ihre Namen und Spitznamen erklären. Erste Vermutungen und Ergebnisse. Die Namen geben Hinweise auf

die soziale Situation (wie bei Firstborn, Fatherless, Punishment),
die ökonomische Situation (Problem, Trouble)
Wünsche nach Begabungen, Charakter (Bright, Clever, Richman)
christliche Werte (Blessing, Blessmore)
Prestige und Symbole der Modernität, westlichen life style (Corsa, Fanta, Rolex, Samsung, Nokia, Shoprite, so heißt die südafrikanische Kette, die Supermärkte in vielen afrikanischen Ländern betreibt)
nicht zuletzt einfach nett klingende Namen, wie sie heute auch in westlichen Ländern gern gewählt werden (Joy, Lucky).
Sicher lässt sich folgende Sammlung tiefgründiger analysieren. Den zukünftigen Wissenschaftlern, die hierüber ihre Doktorarbeit schreiben, wollen wir weder vorgreifen noch ihnen das Thema stehlen, sondern nur Futter geben. Hier eine Sammlung, die durch Herumfragen zustande kam und keinen Anspruch auf auch nur annähernde Vollständigkeit erhebt:

Admiral, Admire, Anymore, Anyone
Beauty, Big-brain, Big-league, Billieard (Billiard), Bismarck, Blessed, Blessmore, Bloodwell, Bornface, Bornwell, Bothwell, Brain, Bright
Carriage, Casting, Cement, Chemist, Chocolate, Clever, Committee, Corsa, Costs, Crankshaft (Kurbelwelle)
Dangerous, Darling, Delight, Descent, Design, Difficult, Dontforget, Doubt, Driver, Duel
Egypt, Engine-Oil, Everjoy
Fackson, Fair, Famous, Fanny, Fanta, Fatherless, Finance, Finish, First, Firstborn, Flywell, Forgiveness, Fortunate, Forward, France, Funnel, Funwell
Gearbox (Getriebe), Gift, Givemore, Gladman, Gladson, Godknows, Godlady, Godsent, Golden, Goodman, Goodson
Happyson, Hardtimes, Henschel (nach der deutschen Firma), Highgive, Honest, Honoured
Innocent • Jazzman, Jealous, Joyfull, Job, Justice
Kindness, Knowledge
Lady, Lastborn, Last-one, Leaflet, Limited, Listen, Lovejoy, Lovemore, Loverboy, Lucky
Majority, Marvellous, Master, Member, Memory, Mercy, Millionaire, Minister, Minority, Mistake, Moment, Monde, Motherless
Never, Nice, Ninepence, Nobile, Nomore (keine Kinder mehr, entsprechend: Onemore, Twomore, Threemore), Nurse, Nutcracker
Obvious, Office
Pardon, Passionate, Patience, Perpetual, Polite, Precious, Pretty, Problem, Progress, Promise, Proud, Punishment, Purity
Raincoat, Reason, Regret, Richman
Salt, Schneider (nach dem deutschen Fußballer Bernd Schneider von Bayer Leverkusen), Searchwell, Shakespeare, Shelter, Shepherd, Shoprite (Supermarktkette), Simplicius, Sixpence, Smart, Smiler, Spaghett, Special, Speedwell, Stabile, Stomach, Story, Straight, Sunday, Summerwear, Sure, Surprise
Takesure, Talent, Talktime, Tellmore, Trouble, Trust, Trymore, Tryson, Trywell, Tuesday
Village
Wayne, Wednesday, Winner, Wireless, Wisdom, Wishes, Witness, Wonder, Wonderful
Youngson • Zebron
Die meisten Namen sprechen für sich, zum Beispiel: Trywells Vater Ceephas Zulu, ein höherer Polizeibeamter aus Lusaka, meint: „Ich wollte meinem Sohn einen guten Wunsch – mach’s gut, mein Sohn – mit auf den Lebensweg geben.“ Finish (Ende, Ziel) bezeugt, dass die Eltern keine weiteren Kinder mehr haben wollen. Lucky heißt eigentlich Lupando. Seine Eltern haben sechs Kinder, fünf davon Mädchen. Sein Vater erzählt, der Sohn habe der Familie „gute Zeiten“ beschert. Er sei als Vater sehr glücklich, so hätten sie ihn Lucky genannt. Im Pass steht allerdings noch der afrikanische Vorname.

Andere Namen haben eine eigene Geschichte, zum Beispiel: Winner (Sieger), so ein Junge, der ursprünglich von seinen Eltern Kaputula genannt wurde, zu Deutsch „kurze Hosen“, weil der höchste Verwaltungsbeamte der Gegend zur Zeit seiner Geburt die Eltern in short trousers besucht hatte. Als Kaputula jedoch älter wurde und Englisch lernte, gefiel ihm sein Name Winner und dessen Bedeutung so gut, dass er sich selbst diesen Spitznamen gab und auch seine Freunde ihn so nannten. Mittlerweile, in Sambia ist das möglich, wurde Winner zum offiziellen Vornamen, der auch im Pass steht.

Manche Namen sind möglicherweise ein Versehen: Brain (Verstand), dessen Eltern gestorben sind, als er noch ein Kind war, konnte seine Eltern nicht mehr fragen, warum sie ihn Brain nannten. Mittlerweile glaubt er, sie hätten ihn nach einem englischen Freund Brian nennen wollen, im Geburtsregister sei der Name aber falsch geschrieben worden. Die Eltern von Bornface, so vermutet er, haben den Namen Boniface (Bonifatius) einfach „falsch“ gehört. Jetzt steht Bornface in seinem Pass.

Die meisten Sambierinnen und Sambier haben einen afrikanischen Vornamen aus dem unerschöpflichen Reservoir ihrer Völker, Stämme, tribes, aber auch einen englischen Vornamen. Es gibt zurzeit einen wachsenden Trend: Die Kinder der in die Großstädte abgewanderten Familien sprechen immer weniger die einheimische Sprache der Eltern, vor allem dann, wenn die Eltern aus zwei unterschiedlichen „Stämmen“ kommen, sondern nur noch Englisch. Immer mehr Kinder haben nur noch einen englischen Vornamen, keinen afrikanischen mehr – ein Verlust an Tradition, Geschichte und Geschichtsbewusstsein


Vom Geförderten zum Förderer

Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte!
(von Dr. Johannes Michael Nebe)


Im Jahr 2006 führte ich mit Studierenden der Universität Trier ein Umweltprojekt in den Slums von Nairobi durch. Dabei besuchten wir auch die „Future Kids Academy“ in Mathare-North. Ein so wohlklingender Name für eine Primary School, die eine der besten Schulen mit einer vorzüglichen Ausbildung zu sein scheint. Ganz im Gegenteil! Es sind völlig überfüllte Klassen mit durchschnittlich mehr als 60 Schülern, eng an einander gedrängt auf schmalen Bänken sitzend, kaum vorhandenes Lehrmaterial und nicht zuletzt auch von schlecht bezahlten und wenig ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden. Wissen ist Macht, aber dieses wird so gut wie nicht in den informellen Slum-Schulen vermittelt. Der kenianische Staat kümmert sich um diese Schulen so gut wie überhaupt nicht.

Der Besuch einer Studentengruppe aus Deutschland war für die Schüler natürlich ein besonderes Ereignis. Wache, neugierige Augen schauten uns an. Das Wort „lernhungrig“ gehört seitdem zu meinem Sprachschatz, wenn ich über junge, lernbegierige Kinder und Jugendliche in den Slums spreche bzw. schreibe, die dort unter unsäglichen Umständen aufwachsen und nur durch Lerneifer aus dieser bedrückenden Umwelt auszubrechen versuchen. Sie haben aber keine Vorstellung von dem, was ihnen eigentlich alles an Bildung vermittelt werden müsste, um später einmal einen passablen Job zu finden, der sie und eine mögliche spätere Familie ernähren wird. Trotz dieser Vorbemerkung gibt es über eine so unglaubliche Geschichte eines damals 12 Jahre alten Schülers zu berichten.


Andrew (der Name wurde geändert, um ihn anonym zu halten) war sicherlich der rhetorisch begabteste in der Klasse, der so viel von uns wissen wollte und sich immer wieder zu Wort meldete. Eine Frage haute uns wirklich um. Er fragte uns, ob wir der Klasse den „Eisernen Vorhang“ in Europa erklären könnten. Das machte uns so sprachlos, dies aus dem Munde eines im Slum aufgewachsenen 12jährigen zu hören. Würde uns ein Schüler in seinem Alter in Deutschland diese Frage stellen? Wir fragten nach, ob wir das Wort „iron curtain“ richtig verstanden hätten. Er bejahte es und wir versuchten dann eine Antwort zu geben. Ich hoffe mich richtig an unsere Antwort zu erinnern, dass wir den Ost-West-Konflikt zu erklären versuchten, indem sich zwei unterschiedliche politische und gesellschaftliche Systeme von Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit gegenüberstanden, die mit dem Mauerfall in Berlin vom 9. November 1989 überwunden zu sein schien – dies aber sicherlich noch lange in unseren Köpfen nachwirken dürfte. Einer unserer Studenten, Alexander, heute Mitglied in unserem Verein ist, nahm sich besonders Andrew an, der die Future Kids Academy verließ und eine bessere Schule besuchen konnte.

Erst im Jahr 2014 bekam ich persönlich wieder Kontakt zu ihm und erfuhr von seinem Wunsch, an einer Universität das Fach „Computer Science“ studieren möchte. Dies konnten wir mit Hilfe unseres Vereins finanzieren. Er erdrückte mich fast vor lauter Freude, weil nun sein Traumwunsch Realität werden konnte. Ohne sicherlich lange darüber nachgedacht zu haben, versprach er mir, dass wenn er auf seinem Konto 1 Million kenianische Shillinge hätte (das sind umgerechnet etwa 10.000 €), er mir bzw. dem Verein „Bildung fördert Entwicklung e.V.“ 1.000 € als Dank dafür, dass wir ihm diese Chance gegeben haben, zurückerstatten würde. Ich sah in seinem Versprechen nur seinen Eifer alles zu tun, das Studium wirklich zu nutzen, ohne ihn später an seine Aussage erinnern zu wollen.

Von Jahr zu Jahr trafen wir uns immer wieder, wenn ich meine Projekte zu unterschiedlichen

Themen in Nairobi durchführte. Ich lud ihn stets ein, an unseren Workshops am Ende eines Projektes teilzunehmen, um in einem offenen Forum unsere Ergebnisse vorzustellen und zu diskutieren, nicht zuletzt was eventuell aus unseren Erfahrungen und Einsichten in Nairobi für Folgerungen gezogen werden sollten. Meistens waren Vertreter von Zivilgesellschaften, der Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und den Medien dabei, die darüber berichteten. Andrew war immer wieder ein hervorragender Redner, der sich in die Diskussion kräftig einschaltete. Auf diese Weise konnte ich seine Fortschritte im Studium auch verfolgen. Wenn ich ihn sah, hatte er immer seinen Laptop dabei und oft machte er ihn an und zeigte mir, dass wir unsere Website unbedingt verbessern sollten, um noch mehr Akzeptanz zu bekommen. Wie Recht er damit hatte! Das ist ein Dauerthema geworden.

Sein Studium hat Andrew im letzten Jahr mit Bravour abgeschlossen und einen tollen Beruf als Computerfachmann im Finanzsektor in Kenia gefunden.

An sein „Versprechen“ unserem Verein 1.000 € zurück zu erstatten, hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht, als am 11. Mai d.J. eine Email von ihm mit folgendem Inhalt kam.

„Halo, It‘s been along time since we spoke. I am always forever grateful for the support you offered to me. It is in this regard I would also like to give back. I would like to support the foundation with 1000 euros. I am forever indebted to you. I have no words to describe how fortunate I am to have met you. Please advice on the best mode to use for you to receive the funds. I don’t mind even making a Western Union or Money Gram Transfer. May God bless and keep you.“

Er hatte immer an seine vor Jahren so spontan gemachte Äußerung gedacht und will diese nun einlösen. Dies können wir nun auch nicht abschlagen, weil es ihn verletzten würde. Einen Weg des Transfers haben wir gefunden. Dietmar Zühlke, der auch Mitglied in unserem Verein ist, und Reisen in Kenia und in andere afrikanische Länder seit vielen Jahren durchführt. Er hat nun mit Andrew Kontakt und wird dieses Geld auf ein Konto in Kenia überführen, von wo wir es zu gegebener Zeit abrufen können, um es für unsere zu fördernden Schützlinge zu verwenden.

Diese unglaubliche Geschichte werden wir NIE vergessen. Sie zeigt deutlich, dass unsere Arbeit in Kenia großartige Früchte trägt. Danke Andrew! Du verkörperst das, was wir alle benötigen: Eigene Charakterfestigkeit, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit, Vertrauen zu einander, Menschlichkeit und Würde. Dies sind Eigenschaften, die jede Gesellschaft dringend braucht, um für einander einzustehen und niemanden auszuschließen.